Selbstmordanschlag im Stadtzentrum von Kobanê

Die an der türkischen Grenze gelegene, mehrheitlich von Kurden bewohnte Stadt Kobanê ist am 24. Juni erneut Schauplatz von Angriffen des radikal-islamischen IS geworden.

Im Laufe des letzten Jahres eroberten religiöse Extremisten der Dschihadistenmiliz IS zahlreiche Gebiete im Nahen Osten. Dieser selbsternannte „Islamische Staat“ hatte es sich auf die Fahne geschrieben, alle Ungläubigen zu unterwerfen und ein Kaifat zu errichten, auf welchem die Gesetze der Scharia gelten sollen.

Monatelang schaute die internationale Staatengemeinschaft zu wie diese plündernd, massakrierend und vergewaltigend weite Teile des völlig destabilisierten Syrien und Irak einnahmen.
Erst als die yezidisch-kurdische Bevölkerung in Shingal durch den IS in die Enge getrieben und in einem Genozid fast ausgelöscht worden ist, wurden nach langem Zögern die hiesigen Widerstandskräfte der YPG/ YPJ und der Peshmerga unterstützt, um die humanitäre Katastrophe auf dem Shingal-Berg unter Kontrolle zu bringen.
Es konnte ein Korridor freigekämpft werden, durch welche die völlig ausgehungerten, schwachen Menschen in Sicherheit gebracht werden konnten.

Als sich Gleiches in Kobanê drohte abzuspielen, wurde in monatelangen Gefechten Ende letzten Jahres versucht, die mit weitaus besseren Waffen ausgestattete Terrormiliz, aus der strategisch wichtigen Stadt zu vertreiben.
Kobanê, als militärischer Stützpunkt, wurde von der IS nachweislich dazu genutzt, zum einen verletzte Kämpfer in türkischen Krankenhäusern versorgen zu lassen und neue, zum Teil aus westlichen Ländern stammende Kämpfer zu rekrutieren und einzuschleusen. Darüber hinaus wurde die Grenzstadt zentraler Knotenpunkt für Unterstützerstaaten wie Saudi Arabien, Katar, und eben der Türkei, um Waffen und Munition einzuliefern und die islamistischen Milizen zu versorgen.

Im Januar konnten dann die von amerikanischen Luftschlägen unterstützten kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG/ YPJ) einen Durchbruch erzielen und Kobanê befreien.
Der Befreiung der Grenzstadt und des gleichnamigen Kantons folgten nun in jüngster Zeit die Rückeroberung des Kantons Cizîrê und der ebenfalls strategisch wichtigen Stadt Tell Abyad, welche am 16. Juni genutzt wurde, die beiden Kantone Kobanê und Cizîrê zu einem von kurdischen Truppen und ihrer Alliierten kontrollierten Gebiet zu verbinden.

Dem militärischen Erfolg der Anti-IS-Koalition folgte nun vor drei Tagen (24. Juni 2015) der Vergeltungsschlag von Seiten der Dschihadistenmiliz.
Nach Angaben lokaler Aktivisten sollen demzufolge die Terrormiliz des IS erneut in Kobanê eingedrungen sein und Selbstmordanschläge, mit dem klaren Ziel der Tötung von Zivilisten, verübt haben. Erste Meldungen besagten mindestens 5 Tote, im Laufe des Tages wurde die Zahl der Toten auf 96 korrigiert.
Nach erneutem Aufflammen von Gefechten im Stadtzentrum von Kobanê ist nun die Rede von mittlerweile über 150 zivilen Opfern.

Kurdische Sicherheitskräfte berichten, dass als kurdische Kämpfer verkleidete IS-Milizionäre sich mit zwei Bomben beladenen Fahrzeugen Zugang zur Stadt verschafft hätten und diese, in einem Selbstmordanschlag nahe des Stadtkerns, gezündet hätten.
Dem Anschlag folgten zeitnah Angriffe von weiteren IS-Kämpfern, die die kurdischen Verteidigungseinheiten von „drei Seiten belagerten“. Zum jetzigen Zeitpunkt ist unklar, wie viele IS-Kämpfer sich in der Stadt aufhalten.

Wie diese IS-Kämpfer tatsächlich nach Kobane gelangten und welche Rolle die Türkei dabei spielt, ist dabei die politisch brisanteste Frage.
Angaben des Vorsitzenden der syrisch-kurdischen PYD, Salih Müslim, und der Co-Vorsitzenden der prokurdischen HDP, Figen Yüksekdag, zufolge seien ein Teil der Kämpfer über die Türkei eingesickert, was vom türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem derzeitigen Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am späten Abend jedoch vehement abgestritten wird.

Offensichtlich jedoch ist, dass von Seiten der türkischen Regierung ein gewisses Interesse an den Angriffen auf Kobane besteht:
Diese befürchten nämlich durch das weitere Erstarken kurdischer Unabhängigkeitsbewegungen, verstärkt durch die vergangenen Erfolge der kurdischen Verteidigungseinheiten gegen den IS und dem großen internationalen Zuspruch, die Formierung eines Kurdenstaates hinter ihren Grenzen mit einer „stabilen, funktionierende[n] und demokratische[n] Verwaltung“.

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